Blick auf Überlingen vom Schiff aus

Marienschlucht für Irre … ähm … Abenteurer

Heute (vor ca. 3 Jahren) wöchelt sich unser Ausflug in die Marienschlucht am Bodensee von letztem Sonntag. Heißt es “wöchelt”? So wie jährt sich? Keine Ahnung und es spielt auch gar keine Rolle, denn in diesem leicht verspäteten Bericht geht es um die Schilderung der Ereignisse jenes denkwürdigen Sonntags, an dem wir – 1 Mann, ein Junge, zwei Frauen, 4 Mädchen und ein Hund – uns aufmachten, die Marienschlucht am Bodensee heimzusuchen. Es sollte eine normale, entspannte Wanderung werden; es gestaltete sich jedoch zunehmend zu einer echten physischen und psychischen Herausforderung.

Wir fuhren mit dem Zug nach Überlingen. Die Routenplanung sah vor, dass wir mit dem Schiff zur Marienschlucht übersetzen sollten. Dies gelang vortrefflich und wir ergatterten sogar Schiffssitzplätze auf dem Außendeck. Das ideale Wetter machte es möglich. So waren die wenigen Minuten auf schwankenden Planken ein Genuß.

Legt das Schiff am schmalen Steg der Anlegestelle bei der Marienschlucht an, ergießt sich der Strom der Reisenden in die Schlucht. Ok – viele Ankömmlinge machten das offenbar so. Vielleicht angetrieben durch die zwei möglichen Rückfahrten nach Überlingen, welche normalerweise zur Verfügung stehen: 2h oder 5h später. In 2h schafft man lediglich einen geruhsamen Auf- und Abstieg durch die Schlucht mit ein wenig Aufenthalt hier und da. Wer ausgiebig laufen und schauen möchte, wird für die Rückreise die 5h-Variante bevorzugen. Das klingt zunächst mal recht lange, ist aber eigentlich auch nur ein Wimpernschlag. Die schönen Wanderwege bieten genug Auslauf, um die Stunden angenehm nutzen zu können. Oder eben abenteuerlich zu gestalten, wie wir es taten …

Blick auf Überlingen vom Schiff aus

Blick auf Überlingen vom Schiff aus

Entgegen dem normalen Touristenansinnen – die Marienschlucht möglichst als erste zu bezwingen – wandten wir uns nach rechts, am Bodenseeufer entlang. Die frühlingshaft üppig grün ausstaffierte Natur bot Schatten und vielerlei herrliche Ausblicke.

Der Weg schlängelt sich mit leichtem auf und ab an den Gestaden des Bodensees entlang und eröffnet immer wieder wunderbare Blicke über den See auf Sipplingen. Es gibt entlang des Pfades einige Stellen, die zum Verweilen einladen. Manche davon sogar mit Bänken. Und davon wiederum manche ohne Scheißhaufen oder Müll. Das teilweise recht steile Ufer ist interessantes Klettergebiet für Kinder. Jedenfalls stiefelten unsere mitunter durch dichten Urwald und tauchten unverhofft an anderer Stelle wieder auf. Immer mit Spaß im Gesicht!

Steile Wand am Bodensee. Beeindruckend, an welch imposanten Wänden man entlang läuft. Foto gemacht am Wanderweg unten am See entlang bei der Marienschlucht.

Steile Wand am Bodensee. Beeindruckend, an welch imposanten Wänden man entlang läuft. Foto gemacht am Wanderweg unten am See entlang bei der Marienschlucht.

Laut unserer Fährtenleserin müssten wir auf einen Weg treffen, der sich linker Hand in die Höhe schraubt. Wir vermochten lange Zeit nichts wegähnliches auszumachen und wanderten so ca. 2,5 – 3km unten entlang. Das war aber eindeutig zu weit “unten lang”. Ich konnte nicht mitreden, denn ich war hier noch nie unterwegs gewesen und hatte mich auch nicht vorab mit den geographischen Gegebenheiten bekannt gemacht. Ein Fehler – wie sich herausstellen sollte. Warum? Weil ich im Grunde genommen keine Ahnung von der Beschaffenheit des Geländes zu meiner Linken hatte. Rechts war der Bodensee – einfaches, überschaubares Gebiet. Viel Wasser und weit weg wieder Land. Links war Bergauf-Wald. Felswände, wie die oben gezeigten, hatten wir lange keine gesehen. Also mehr Wald als Felsgestein.

Wir passierten eine Weggabelung mit Blick auf eine wundervolle Wiese. Grobgeografisch gesehen mussten unsere Schritte dem linken Abzweig folgen, wollten wir irgendwann den Weg zurück zur Marienschlucht finden.

Diese "Bank" muss rechts liegen bleiben, folgt man dem Wanderweg an der Marienschlucht.

Diese “Bank” muss rechts liegen bleiben, folgt man dem Wanderweg an der Marienschlucht.

Ich konsultierte kurz das Kartenmaterial mit dem Handy. Japp … ein paar (?) Meter weiter zeichnete sich ein serpentinenähnlicher Weg durch die Landschaft ab. Hier ist mal der Link zu Google-Maps. (Witziges Detail am Rande: in einer gewissen Zoomstufe zeigte sich die Gegend in ausgeprägtem schneeweiß! Wir hatten über 20°C und keine Winterausrüstung dabei!)
Unweit der Gabelung führte ein hübscher Weg nach links in den Wald. Dieser machte eine sichtbare Kurve nach rechts und ich nahm an, dass es sich hier vielleicht um eine Abkürzung handeln könnte, welche uns auf den rechten Pfad bringen würde. Wir schlugen diesen Weg ein und wollten mal schauen, was uns da so erwartete. Und damit begann das Abenteuer …

Der Weg änderte eigentlich fortlaufend seine Beschaffenheit. Anfangs noch zweispurig ausgetreten, wechselte das Geläuf bald zu einer Spur und auch die wurde immer schwieriger zu meistern.

Zu unserer Ausrüstung muss noch erwähnt werden: Wir waren teilweise in Sandalen unterwegs. Ok – Outdoor-Latschen überwiegend. Also eigentlich gerüstet für leichte, ausdauernde Märsche.

Der Weg wurde in des matschiger und schlängelte sich durch Feuchtpflanzgebiete und immer mehr Unterholz. Ein munterer Wind rollte durch das dichte Blattwerk über unseren Häuptern.

Vergleichsweise deutlich sichtbar: der Weg in die Schlucht.

Vergleichsweise deutlich sichtbar: der Weg in die Schlucht.

Nicht nur einmal kamen mir Gedanken an Umkehr, aber ich schob sie beiseite. Links und rechts vom Weg durch diese rustikale Schlucht erhoben sich hohe und steile Wände. Das Weglein am Boden war mitunter nur noch andeutungsweise zu erahnen. Fußspuren – abwärts gerichtet! – zeugten jedoch davon, dass dieser Pfad erst kürzlich begangen worden war. Immer mehr willkürlich übereinander gestapelte bzw. geworfene Baumstämme erschwerten zunehmend das Fortkommen. Wir mussten oft über ziemlich morsches Totholz klettern. Teddy – unser Hund – schlug sich wacker, bedurfte jedoch inzwischen häufig tatkräftiger Hilfe.

Dann endete der Weg.

Mitten im Dschungel.

Vor uns, neben uns und nochmal neben uns erhoben sich besagte steile Wände. Hier und da zeigte sich Wurzelwerk. Oben am Rand deutete sich gar ein leichter Überhang an. Kletterfreunde und Bergsteiger wissen was ich meine. Hinter uns verlor sich unser Nichtweg im Dickicht.

Zurück?

Wir taxierten das Gelände. Es war sehr, sehr steil, bot offenbar kaum Möglichkeiten zum Festhalten, und hatte eine Hypothenusen-Länge von ca. 25,76m, falls jemand auf die Idee kommen würde, zum Nachmessen ein Dreieck in die Landschaft zu hauen. Der Winkel zur (unsichtbaren) Bodenseeoberfläche betrug schätzungsweise 50° – 60°.

Die umliegenden Bäume knarrten gefährlich im Wind. Es klang wie Hohn!

Wir schwitzen und so richtig zurück wollte auch keiner. Außerdem saß uns langsam die Zeit im Nacken.

Wir gaben uns einen Ruck und nahmen die letzten(?) Höhenmeter in Angriff. Ich hatte den großen Rucksack auf und außerdem meine Kamera um. Diese versuchte ich angesichts der zu erwartenden Kraxelei irgendwie so auf den Rücken zu bekommen, dass ich klettern konnte. Das Ding bammelte trotzdem immer wieder vor mir, wenn ich mich mit dem Berg anlegte.

Die leichtfüßigen Mädels schafften es mit Müh und Not hinauf und brachten es sogar fertig, dem Hund immer wieder unter die kurzen Beine zu greifen, damit er überhaupt eine Chance hatte.

Zu erahnender Schwierigkeitsgrad: Das Bild gibt einen Eindruck vom steilen Gelände, welches wir zu erklimmen hatten. Tipp: Abseits der Marienschlucht lauern die wahren Herausforderungen!

Zu erahnender Schwierigkeitsgrad: Das Bild gibt einen Eindruck vom steilen Gelände, welches wir zu erklimmen hatten. Tipp: Abseits der Marienschlucht lauern die wahren Herausforderungen!

Mia war die Erste oben. Keine Ahnung wie sie es gemacht hat. Ich war zu sehr mit mir beschäftigt und damit, notfalls herunterpurzelnde Gefährten aufzufangen. Oben schluchzte Mia, die Höhenangst hat und diese sich um unser Wohl ausbreiten ließ! Ich verstand das Jammern nicht: immerhin war sie oben und musste “nur noch” dem nicht offensichtlich weiterführenden Aufstieg weiter folgen! Aber ich hatte ja auch keine Ahnung, was sie da oben sah!

Alle kämpften wacker und ausdauernd mit dem Berg, der sich als echte Herausforderung herausstellte. Unermütlich ging es über lockeren, rutschenden Boden nach oben. Als plötzlich Caro aufschrie. Ich blickte rasch nach oben und sah meine Kleine rutschend nach unten kommen. Scheiße. Die Nachfolgenden hatten so schon Schwierigkeiten sich zu halten. Ich schätzte bereits grob die Richtung, welche sie auf dem Weg nach unten einschlagen müsste und wappnete mich für die Rettungsmission; selbst kaum noch zu einem sicheren Stand in der Lage. Doch nach ungefähr 3m wurde Caro gestoppt und ihr Richtungsvektor wieder gen Höhe ausgerichtet. Glück gehabt.

Auf dem Grat: hinter uns die bezwungene Schlucht; vor uns diese Tiefen.

Auf dem Grat: hinter uns die bezwungene Schlucht; vor uns diese Tiefen.

Hinter uns ging es inzwischen etliche Meter nur in die Tiefe. Eine Tiefe, die endgültig wäre, denn alle möglichen Haltepunkte hatte die Gruppe auf dem Weg nach oben ausradiert.

Ich war die Nachhut und sah mich auf den letzten Metern gezwungen eine andere Route einzuschlagen, da der Boden vor mir inzwischen so aufgewühlt war, dass ich keine Möglichkeit sah, dort hinauf zu kommen. Ich musste zweimal wieder einige Meter nach unten, Bögen schlagen und wieder aufwärts kriechen. Ich schlug die bloßen Finger in die Erde und zog mich nach oben. Wieder und wieder rutschte ich aus und versuchte mich an Wurzeln zu halten, die jedoch nicht immer über die dafür notwendige Festigkeit verfügten.

Ich fühlte meine Kräfte erlahmen. Die beanspruchten Muskeln waren zuletzt vor 20 Jahren benutzt worden.

Irgendwie schaffte ich es dann doch nach allen anderen auf den Rand der Schlucht! Der Gipfel! Hurra!

Gipfel?

Ich landete prustend, tropfend, mit brennenden Beinen und Armen oben auf einem ca. 30cm breiten Grat. Auf der anderen Seite ging es atemberaubend nach unten. Hinter mir auch. Wir waren hier hochgeklettert? Wir Wahnsinnigen!

Kopfschüttelnd und doch beeindruckt stiegen wir auf nun etwas bequemeren Terrain weiter auf. Meine Güte – ich hatte ja daran gedacht, dass es hügelig zugehen würde, aber musste es gleich alpine Ausmaße annehmen?

Letztlich gelangten wir dann doch OBEN an und lagerten zunächst einmal. Die Wasserflasche kreiste, es gab Kekse und Äpfel zur Stärkung. Caro präsentierte eine blutige Schramme, welche sich dünn und böse von oben nach unten über fast den ganzen Oberkörper zog. Das tapfere Mädel biss die Zähne zusammen und ertrug die Schmerzen still und fast jammerlos. Ich war stolz auf uns und wrang meine Mütze mehrfach aus. Wir hatten es geschafft. Einige hatten Blessuren und Blut tropfte mitunter aus kleineren Wunden. Manche waren wie durch ein Wunder total unverletzt. Alle zeigten Spuren eines wahrhaft tollkühnen Kampfes. Aber: wir haben überlebt.

Im Nachhinein betrachtet war diese Tour hahnebüchend leichtsinnig, gefährlich und recht verantwortungslos gewesen. Wie leicht hätte etwas schlimmeres als zerschundene, zerkratzte Arme, Beine und Bäuche geben können. Das wir ohne echten Absturz den Berg bezwungen haben, erscheint mir heute wie ein Wunder.

Wir redeten uns ein, dass jeder normale Weg vermutlich um Welten langweiliger gewesen wäre und beglückwünschten uns fast zu diesem überraschenden Abenteuer.

Der Weg “oben” herum zurück zur Marienschlucht ist dann wieder für leichtes Wandern geeignet. Außerdem ist er vortrefflich ausgeschildert. 🙂 Hin und wieder zeigt sich der Bodensee durch das Dickicht und die oftmals nur zu erahnende Tiefe ließ mich immer wieder erschauern. ‘Da sind wir Idioten hinaufgekraxelt. Querfeldein. Ohne Seile, Sauerstoffmasken, Eispickerl und Bergschuhe. Mit kurzen Hosen, Sandalen und vormals sauberen Händen und Füßen.’ In Gedanken schüttelte ich fortwährend den Kopf.

Letztlich sind wir durch die Marienschlucht hinabgestiegen. Och … man kann sie sich ansehen. Sie bietet den einen oder anderen interessanten Ein- und Ausblick. Die Marienschlucht ist exzessiv mit Treppen ausgestattet, deren Höhen- und Schrittmaß trotzdem eine Herausforderung darstellen kann. Wer jedoch echte Abenteuer will, geht so wie wir.

Wir schafften es rechtzeitig zum letzten Schiff hinüber nach Überlingen. Fix und fertig kamen wir spät zu Hause an. Teddy fiel mehr oder weniger einfach um und blieb liegen. Bis dahin hatte er unglaublich tapfer durchgehalten. Keinerlei rumgezicke, keinerlei sichtbare Müdigkeit. Bis zu Hause.

Fazit: Man kann die Marienschlucht am Bodensee ohne großartige physische Anstrengungen begehen. Man muss es nicht. Es lauern auch ungeahnte Herausforderungen auf ambitionierte, leichtfertige Touristen und Erstbegeher. 🙂

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Jörg

Mein Name ist Jörg Dutschke. Ich betreibe seit 2005 die Seite Bodensee-Shops.de und versuche hier, ein wenig Struktur in die Vielfalt an Einkaufsmöglichkeiten rund um den Bodensee zu bringen. Kurzprofil: Familienvater, Hauptberuflich Supporter der Herzen in einem Softwareunternehmen in Ravensburg, Hobbykoch, Radfahrer und Naturliebhaber.

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